Predikt zum Rundfunkgottesdienst anlässlich der BR-Radltour in Gunzenhausen

Liebe Sonntagsgemeinde zu Hause am Radio, liebe Radler-Gemeinde der BR-Radltour 2017, liebe Gemeinde vor Ort in Gunzenhausen, liebe Schwestern und Brüder,

 

haben Sie heute Morgen schon gut gefrühstückt? Die Radler der BR-Radltour sicherlich, denn eine Radtour braucht doch ein gewisses Maß an körperlicher Kraft und Kohlenhydrate, man will ja nicht nach ein paar Kilometern schon einen Hungerast haben. Aber auch alle anderen Zuhörer werden doch vermutlich schon gut gefrühstückt haben: Brot oder auch frische Brötchen, Marmelade, Wurst, oder das berühmte Frühstücksei, was man eben zum Frühstück so braucht, um gestärkt in den Tag zu gehen.

Nun haben wir soeben in der Lesung  des Evangeliums gehört: Jesus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Jesus bringt damit sogar noch ein Thema ein, dass für den Radler fast noch wichtiger ist, als das Essen: Den Durst. Jeder Radler weiß – Trinken ist fast noch wichtiger, als Essen. Darum hat ja auch jeder  sportliche Radfahrer eine Trinkflaschenhalterung an seinem Rad, damit man auch während der Tour ausreichend trinken kann.

Aber was meint Jesus nun damit: Ich bin das Brot des Lebens?

Ein Skeptiker wird zu Recht fragen: Jesus – das Brot des Lebens? Was heißt denn das konkret? Glaube und Religion – das ist doch etwas immaterielles -  nichts, von dem ich – im wahrsten Sinne des Wortes – abbeißen kann? Brot, das ist etwas Handfestes, Greifbares, Materielles? „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ Bert Brecht hat das einmal gesagt, an dessen Geburtsstadt Augsburg Sie als Radler in den nächsten Tagen vorbei radeln.

Diese Skepsis hatten offensichtlich auch die Zuhörer Jesu im Johannesevangelium, in dem steht: „Da sprachen sie zu ihm. Was tust Du für Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust Du?“Soll heißen „bring mal Butter bei die Fische“ mit deinen Reden. Und sie haben Jesus an  Mose und das Manna erinnert, das dem Volk Israel damals bei der Wanderung durch die Wüste – als sie fast verhungert wären – geholfen hat. Davon konnte man wenigstens abbeißen.

Jesus bleibt aber bei seiner Linie:  „Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt Euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, was vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.“

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ dieses berühmte Jesuswort aus dem Matthäusevangelium, fällt mir gleich noch dazu ein. Soll heißen: Es gibt eben im Leben neben dem Materiellen, neben der Grundnahrung, neben dem Überleben auch noch anderes Wichtiges, das uns trägt und unserem Leben einen Sinn gibt.

Sie, liebe Radfahrer-Gemeinde erleben das Schöne am Radfahren: Es ist gesund – weil es das Herz trainiert, aber die Gelenke schont. Es macht Spaß so an der frischen Luft in der Natur dahin zu rollen. Man kommt schneller weiter, als ein Wanderer, ist aber auch flexibler, als ein Autoreisender, man kann sein Rad leichter abstellen, braucht keinen großen Parkplatz dafür. Wäre das Radfahren aber ein reines Manna, also nüchtern betrachtet nur etwas, was man zur Erhaltung der Gesundheit braucht, dann könnte man sich ja auch zu Hause auf den Hometrainer setzen, oder ins Fitnessstudio auf das Spinning-Rad.

Sie wollen aber mehr: Sie wollen bei der BR-Radltour in einer großen Gemeinschaft radeln, Sie wollen dabei etwas über Bayern, über Land und Leute erfahren und am Abend auch gerne feiern und tanzen – why not?

Sie wollen gestärkt und gemeinsam unterwegs sein!

Was haben wir gerade von unseren Radlern in den Statements vor der Predigt gehört?

-          Beim Radeln entdecke ich die Blumenwiese, an der ich beim Autofahren vorbeifahre.

-          Da freue ich mich auf die Brotzeit und die Maß Bier im Biergarten.

-          Da habe ich Mut mit anderen gemeinsam die Etappe anzupacken. Die anderen ziehen mich mit, wenn es mal wieder steil wird.

-          Da kann ich dem Arbeitsstress entfliehen und etwas für meine Gesundheit und für mich tun.

Für mich ist der Glaube an einigen Punkten mit dem Radfahren vergleichbar:

Mein Glaube hilft mir, mein Leben zu entschleunigen.  Er hilft mir, mal Pause zu machen, in der Hektik des Alltags  anzuhalten, über mich und mein Leben nachzudenken. Mal mit Gott darüber reden.

Besinnung und Bewegung, Nachdenken und Anpacken, Leib und Seele – das gehört für mich untrennbar zusammen.

Oder – wie es die christlichen Mönche vor vielen Jahrhunderten formuliert haben: Ora et Labora – Bete und arbeite!

Es wird übrigens auf der Radltour auch ein Radrennen geben, bei dem nicht der Schnellste, sondern der Langsamste der Sieger ist. Das atmet den Geist der Bibel, in der es heißt: „die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein“ (Mt. 19,30)

Da sind wir wieder bei Jesu Worten angelangt: Auf der einen Seite: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auf der anderen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Das ist für uns Christen in der Welt kein Widerspruch:

Wer tatsächlich am verhungern ist, wem das Nötigste zum Leben fehlt, der braucht als erstes echtes Brot, alles andere wäre zynisch.

Wer aber mehr als genug zum Leben hat – und das haben in Deutschland sehr viele, den muss man auch einmal fragen dürfen  – ist das schon alles, was Du von Deinem Leben erwartest? Geld, Wohlstand, Vergnügen, ein Event jagt das Nächste?

Radfahren, gemeinsame Erlebnisse, Feiern, Tanzen und auf Gottes Wort hören, Beten, Singen lassen sich für mich auch deshalb vereinbaren, weil – so hat es Martin Luther einmal formuliert: „Gott mich geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.“

Das war übrigens auch eines der Kernanliegen der Reformation. 500 Jahre ist es her, dass sich die Menschen nach einem christlichen Glauben sehnten, der ihnen nicht droht, sondern sie ermutigt, ihr Leben mit allen Facetten und Formen leben zu können, ein Glaube, der geerdet ist, der verstanden wird. Ein Glaube für die Menschen.

Die Reformation hat die Kirche umgekrempelt und hatte auch bedeutende soziale und politische Folgen: In Memmingen z.B., einer Station auf der BR-Radl-Tour, haben die Bauern im Zuge des Bauernkrieges die sogenannten Zwölf Artikel verfasst, in denen sie u.a. eine faire Verteilung von Lasten, Steuern und Abgaben fordern: die erste Menschenrechts– und Freiheitsschrift auf deutschem Boden. In Augsburg kam es 1555 zum ersten Friedensschluss zwischen den beiden neu entstandenen Konfessionen. Darum begehen wir dieses Reformationsjubiläum auch an vielen Orten bewusst ökumenisch. So treffen sich am Mittwoch in der Radlpause Vertreter beider großer Kirchen im Kloster Oberschönenfeld.

Vielleicht ist dieses Gedenkjahr 2017 eine große Chance für alle Christen, die aufbrechen wollen. Die Gottes Spuren in dieser Welt entdecken wollen, die sich auf die Suche nach einem barmherzigen und menschenfreundlichen Gott begeben.

 

Und auch das eine Erkenntnis der Reformation:

Mein Glaube muss sich in der Welt bewähren – im Beruf und im Alltag, also auch beim Kühe melken und am PC im Büro. Und ich füge hinzu: Auch beim Radfahren, beim gemeinsam mit anderen Unterwegssein. Ein Glaube, der nur hinter hohen Kirchenmauern funktioniert, der nur gelingt, wenn man sich von den Problemen der Welt abwendet, ist kein Glaube an den lebendigen Gott. Er ist keine Nahrung für Leib und Seele. Davon waren die Reformatoren überzeugt.

 

Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Lassen Sie uns gestärkt an Leib und Seele, gemeinsam unterwegs sein.

Amen.

Prediger: Martin Voß, Sportpfarrer der ELKB am 30. Juli 2017